Heidegger, die Nazis und der aussichtslose Krieg
Guntram von Schenck, Mai 2009
 
Heidegger, die Nazis und der aussichtslose Krieg

Man kann es nicht anders sagen: die Lektüre von Heideggers “Sein und Zeit” versetzt  heute noch in innere Unruhe, in ein forttreibendes Suchen und bestürzendes Für-Wahr-Halten. Es gilt Hegels Satz, Philosophie sei ihre Zeit, in Gedanken gefasst. Auch heute noch, rund 80 Jahre nach Erscheinen des Werks. Gerade für Historiker im Blick auf den Zweiten Weltkrieg und die Nazi-Zeit.

Heidegger repräsentiert wie wenige die geistige Aristokratie des damaligen Deutschland, er ist der große Exponent einer Philosophie, die ohne den Fundus und die Tradition deutscher Philosophie undenkbar ist. Er ist ein Deuter seiner Zeit mit internationaler Ausstrahlung, ein Meister aus Deutschland. Und doch ist er abgestürzt in die Gläubigkeit an einen Zeitenbruch  1933.

Prolog: Heidegger in der Politik

Es ist die unsägliche Geschichte des Freiburger Universitätsrektorats Heideggers von 1933/1934, die stutzig macht. Der Absturz vom höchsten Gipfel philosophischen Fragens und Denkens in die banalste Niederung politischer Bewegtheit zu Beginn der Nazi-Herrschaft. Die Rektoratsrede vom 27. Mai 1933 ist oft und ausgiebig analysiert und kommentiert worden (1). Heidegger präsentiert sich als Künder der neuen Zeit eines nationalsozialistischen Weltentwurfs. Vielen hat es damals schon die Sprache verschlagen angesichts der Fallhöhe. Was Heidegger bei einer Sonnwendfeier 1933 seinen ergriffenen Zuhörern zurief,  ist ebenfalls erstaunlich: ”Die Tage vergehn, sie werden wieder kürzer. Unser Mut aber steigt, das kommende Dunkel zu durchbrechen. Niemals dürfen wir blind werden im Kampf. Flamme künde uns und leuchte uns den Weg, von dem es kein Zurück mehr gibt! Flamme zündet, Herzen brennt!” (2). So sprach ein vom Olymp der Philosophie Herabgestiegener, ein Künder des wahren Seins.

Es liegt auf der Hand: Heidegger wollte sich an die Spitze der nationalsozialistischen “Revolution” stellen, ihr den Weg weisen. Er mobilisierte, er verpflichtete. Er wollte nicht nur künden sondern zünden, mitreißen. “Die Philosophie muss” - in seinen Worten - ”ihrer Zeit mächtig sein”. Er will seinen Teil zum Gelingen dieser Revolution beitragen. Hellsichtig haben damals schon Zeitgenossen das Dunkle, Unberechenbare, Gewalttätige und Verbrecherische in dem NS-Regime erkannt, Heidegger nicht. Heidegger kannte viele der frühen Kritiker und Opfer der Nationalsozialisten, mit einigen war er befreundet. Andere Geistesgrößen waren verblendet wie er: u. a. Gottfried Benn (überraschenderweise für mich) und Carl Schmitt. Ein Einzelfall war Heidegger nicht. Er war kein Mitläufer oder Opportunist. Als andere Deutschland verließen und emigrierten, wird Heidegger für die NS-Bewegung aktiv.

Heidegger macht den Taumel in die “neue Zeit” politisch offenbar völlig unkritisch mit. Der Verächter der Politik, die er in den Bereich des “Un-Eigentlichen” sortiert, wird zum begeisterten Mitstreiter, zum gläubigen Anhänger Hitlers. Mit diesem Umschlagen oder Absturz aus Distanz und Verachtung gegenüber der Politik in kritiklose, ungeprüfte Zustimmung steht Heidegger nicht allein, es ist symptomatisch für ein deutsches Bildungsbürgertum, das sich aus politischer Orientierungslosigkeit in seiner Mehrheit gleichschalten lässt oder sich freiwillig gleichschaltet. Auch Heidegger.

Die Ernüchterung Heideggers folgt keineswegs auf dem Fuße. Es ist zunächst einmal die Erfahrung, dass er außerhalb der Philosophie zum politischen Streiter und Anführer nicht taugt. In der Freiburger Universität eckt er als Rektor an, findet den richtigen Ton nicht, befremdet, irritiert. Er agiert überhitzt, ungeschickt, ist bald in Auseinandersetzungen mit dem Kultusministerium verwickelt. Die praktische Politik ist ein Geschäft, das er offensichtlich nicht versteht. Er hat noch nicht einmal ein Jahr amtiert, da tritt er am 23. April 1934 zurück. Zeitgenossen machten anzüglich den Vergleich mit Plato, der ebenfalls in der konkreten Politik kläglich scheiterte. Heidegger hatte vor 1933 wiederholt über Platon gelesen. Dass Platon seinen Ausflug in die Politik teuer bezahlte und sich im Syrakus des Tyrannen Dionys der Versklavung nur durch Flucht knapp entziehen konnte, war ihm offensichtlich keine ausreichende Warnung gewesen.

Auch inhaltlich hat Heidegger bald Differenzen mit dem NS-Staat und dessen Ideologie. Schon seine Rektoratsrede hatte Anlass zu dem Gespött gegeben, er habe wohl seinen “privaten” Nationalsozialismus vertreten. Heidegger dringt mit seinen Vorstellungen von der “nationalsozialistischen Revolution” nicht durch, sein Projekt einer Dozentenakademie stößt in Berlin auf Ablehnung. Maßgebliche Personen in der NS-Hierarchie, die sich als Gralshüter der NS-Weltanschauung verstehen und sich letztlich durchsetzten, lehnen Heideggers Philosophie als dem Nationalsozialismus wesensfremd ab und behindern seine Karriere. Ganz einheitlich ist das nicht, Heidegger findet auch Unterstützung. Spätestens beim Philosophiekongress 1937 in Paris wird aber deutlich, dass Heidegger vom NS-Regime ausmanövriert und ausgegrenzt wurde. Heidegger war von einer Führungsrolle seiner Person in der deutschen Delegation ausgegangen, erhielt jedoch trotz seiner Bemühungen so spät eine Einladung, dass er auf eine Teilnahme verzichtete.

Heidegger galt als jemand, der “Nationalsozialismus spielte”. Den “Biologismus” und “Rassismus”, die “Blut- und Bodenideologie” der NS-Ideologie lehnte er ohnehin ab. Karl Jaspers bestätigte 1945, dass es von Heidegger in den 20er Jahren keine antisemitischen Äußerungen gibt. Auf der anderen Seite ist nicht bekannt, dass ihn die früh zutage tretenden gewalttätigen Ausschreitungen der Nazis gegenüber Juden empört hätten, dass er protestiert hätte. Hannah Arendt und Elisabeth Blochmann, mit denen er eng liiert gewesen war, mussten wie viele andere als Juden bzw. Halbjuden Deutschland verlassen. Heidegger nahm es hin. Von Edmund Husserl, dem er soviel verdankte, zog er sich zurück und hielt lediglich über Dritte losen Kontakt. An Husserls Beerdigung 1938 in Freiburg nahm er nicht teil. Tatkräftige Solidarität mit entrechteten und verfolgten Juden ist von Heidegger nicht überliefert. Vielleicht war Heidegger hinterbracht worden, dass ihm von NS-Ideologen unterstellt wurde, “sein Denken sei im Kern jüdisch geartet, `talmudisch-rabulistisch´, weshalb es auch Juden besonders anziehe” (3). Womöglich ging er deshalb in Deckung, wir wissen es nicht. Offensichtlich verhielt er sich in dieser Frage so opportunistisch wie die meisten anderen Deutschen damals auch.

Heideggers Denken war von den Nationalsozialisten nicht geschätzt worden, sie hatten ihn nicht kooptiert, ihm keine führende Rolle zugewiesen, wie er gehofft hatte. Er wurde aber auch nicht verfemt. Man ließ ihn gewähren. Seine Philosophie war den Nazis wohl ohnehin zu hoch. Sie müssen aber irgendwie gespürt haben, dass sein Denken Kraftquellen, Energien frei setzte, die sich nutzen ließen.

Heideggers Philosophie der Eigentlichkeit

“Ihrer Zeit mächtig sein” muss die wahre Philosophie - so hatte Heidegger gefordert. Sie muss zeitanalytische und zeitprognostische Kraft haben. Eine große Aufgabe. Heidegger stellt sich ihr mit den Begriffen des Daseins, des Seins, der Geworfenheit, der Angst, der Sorge, der Stimmung, der Eigentlichkeit, der Haltung, des Volkes und der Geschichte. Nur in Stichworten, ohne Anspruch auf zusammenfassende oder letztgültige Interpretation kann hier Heideggers Denken nach gezeichnet werden.

Niemand kann - so Heidegger - der Geworfenheit seines Daseins entrinnen. Wir suchen uns die Zeit, das Volk etc. unseres Daseins nicht aus. Wir sind, was wir daraus machen. Einen vorfindlichen Sinn gibt es nicht. Was bleibt ist die aufwühlende Erkenntnis der “Unergründlichkeit” des Menschen. Er ist unergründlich, weil er seine Gründe noch immer vor sich hat. Er verwirklicht sich im offenen Zeithorizont. Der Sinn ist die Zeit, aber die Zeit hat keinen Sinn. Der Mensch ist der Platzhalter des “Nichts”. Das Dasein ist ein Sein zum Tode - ein Vorlaufen zum Tode - das “große Vorbei”.

Seismographisch hat Heidegger das Lebensgefühl der Zwischenkriegs- und Kriegsgeneration philosophisch auf den Begriff gebracht und geprägt. Die Hörsäle, in denen er in Marburg und Freiburg las, waren brechend voll. Sein Denken infizierte. Eine von Heidegger philosophisch gefasste “Angst” grundierte das Lebensgefühl der Jahre der Weimarer Republik und des Faschismus. In der “Angst” erfährt das Dasein die “Unheimlichkeit” der Welt und die eigene Freiheit. “Angst” im Heidegger´schen Sinne ist beides: Weltangst und Angst vor der Freiheit. Es ist die Frage nach dem Sinn von Sein. Es ist das Entsetzen, dass da “Nichts” ist - denn Gott ist tot.

Die Erschütterungen und der millionenfache Tod im Ersten Weltkrieg, die Inflation in den 20er Jahren, die Wirtschaftskrise nach 1929, das Heraufziehen und der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs machten fast alle Gewissheiten des vorangegangenen bürgerlichen Zeitalters zunichte. Die krisenhafte Stimmung fand ihren Ausdruck in Untergangsvisionen, weit verbreitetem Sektierertum, Weltverbesserungsvorschlägen, politischen Radikalismus und der Suche nach Schuldigen und Sündenböcken. Die nächste, deutlich abgrenzbare sog. 68er Generation wird nach einem zwei Jahrzehnte dauernden wirtschaftlichen Aufschwung und politischer Stabilität der Nachkriegszeit dieses Grundgefühl der “Angst” nicht mehr haben. Es wird nur noch im ephemeren Abglanz beim “Waldsterben” und der Nutzung der “Atomenergie” nochmals kurz aufscheinen.

Die conditio humana ist die “Sorge”, die Heidegger im Sinne von Besorgen, Planen, Bekümmern, Berechnen, Voraussehen verwendet. Nur wer in einen offen Zeithorizont hinein lebt, begegnet handelnd der Welt.  Die von Heidegger diagnostizierte Grundstimmung seiner Zeit ist eine oft anhaltende, fahle Ungestimmtheit mit Spuren von Überdruss und “Langeweile“. Es ist die Konfrontation mit dem Nichts, die in die Langeweile treibt. In dieser Stimmung wird der “Lastcharakter” des Daseins offenbar - grell und dramatisch in der “Angst”. Man muss das Leben mehr ertragen als dass man von ihm getragen wird. Heidegger war nicht der einzige, der in der Weimarer Zeit den “Lastcharakter” des Daseins erkannte. Deshalb: man muss sein Leben führen - aus der Langeweile ausbrechen.

Aber wie? Es ist der Sprung aus der Belanglosigkeit in die “Eigentlichkeit”. Was meint Heidegger damit? Im Augenblick der “Angst”, von keinem objektiven Sinn behütet und geleitet, ereignet sich der Durchbruch zum eigentlichen Sein als Erfahrung: Es steht nichts dahinter. Der Mensch ist nur wirklich, wenn er als schöpferisches Wesen aus dem Nichts etwas hervor kommen lassen kann. Der Mensch ist der Ort, wo aus Nichts Etwas und aus Etwas Nichts wird. Der Umschlagspunkt ist die Angst. Sie zeigt uns das Möglichsein, das wir selbst sind. Die “Eigentlichkeit” im Sinne Heideggers schneidet uns die Fluchtwege ab - nämlich das Beharren im Herkömmlichen, Vorgegebenen, vermeintlich Objektiven. Eigentlichkeit bedeutet, noch einmal zur Welt zu kommen. Alles kann bleiben wie es war, nur die “Haltung” dazu hat sich geändert. Das “Vorlaufen zum Tode” Heideggers ist bereits Teil des Gelingens der Eigentlichkeit. Der Tod, sagt Heidegger, steht in unser Leben hinein.

Die Philosophie Heideggers gibt keine Anweisungen oder Orientierungen. Heidegger versteht sie als die Arbeit des Abtragens und Abbauens von vermeintlichen ethischen Objektivitäten. Und das Gewissen? Heidegger fragt, was das Gewissen dem Angerufenen zuruft und antwortet: Streng genommen - nichts. Dem angerufenen Selbst wird nichts zugerufen, sondern es ist angerufen zu sich selbst, d. h. seinem eigenen Seinkönnen. Tu was du willst, aber entscheide dich selbst und lass dir von niemandem die Entscheidung und damit die Verantwortung abnehmen. Das Dasein  ist dann “eigentlich”, wenn es sich nicht auf substantielle Sittlichkeit von Staat, Gesellschaft, öffentlicher Moral verlässt. Die Unverlässlichkeit aller zivilisatorischen Daseinsvorsorge steht für Heidegger außer Frage.

Heidegger ermuntert zu einem “verwegenen Dasein”. Es ist nicht der Mut zum Bösen, wie bei Ernst Jünger die abgründige Lust am Kriegerischen, Anarchischen und der abenteuerlichen Amoralität (4). Für Heidegger ist es der “Mut zum Nichts”. Heidegger will, wie im Streitgespräch mit Cassirer 1929 in Davos, den Boden zu einem Abgrund machen. Er verwirft jede Arbeit der Sinnstiftung durch Kultur und erklärt: ”Was bleibt, sind einige wenige Augenblicke von großer Intensität. Man sollte sich nicht länger verhehlen, dass die höchste Form der Existenz des Daseins sich nur zurückführen lässt auf ganz wenige und seltene Augenblicke der Dauer des Daseins zwischen Leben und Tod, dass der Mensch in nur ganz wenigen Augenblicken auf der Spitze seiner Möglichkeiten existiert” (5). Zur Intensitätssteigerung braucht es Mut und Verwegenheit. Verwegenes Dasein ist die Voraussetzung für Intensität. Eigentlichkeit ist Intensität, nichts anderes.

Wenn Philosophie im Sinne Heideggers “ihrer Zeit mächtig ist”, wenn “Philosophie ihre in Gedanken gefasste Zeit” ist, wie Hegel es formuliert hat, was bedeutet dann die Heidegger´sche Philosophie für die Zwischenkriegs- und Kriegszeit in Deutschland? Der Mensch ist, was er aus dem Leben macht. Er verleiht ihm selbst einen Sinn. Es ist freilich nach Heidegger ein auf  “Nichts” gestelltes “Vorlaufen zum Tode”. Da alle Wahrheiten geschichtlich sind und ihre Zeit nicht überdauern, gibt es  nichts, woran der Mensch sich festhalten könnte. Es gibt keine objektiven Vorgaben, keine Ethik, keinen Halt, außer in dem Menschen selbst. Es gibt nur das Nichts und die Konfrontation mit diesem Nichts. Aus der “Langeweile” muss sich der Mensch mittels Intensitätssteigerung des Daseins losreißen. Mit anderen Worten: Aufbruch ins Nirgendwo, das  “Vorlaufen zum Tode” - aber mit “Haltung“.

Die “Eigentlichkeitsphilosophie” Heideggers scheint formal unbestimmt genug zu sein, um in politischen Dingen unterschiedlichen Optionen Raum zu geben. Hannah Arendt, Karl Löwith, Günther Anders, Herbert Marcuse, Jean-Paul Sartre unter anderen haben dies gezeigt und haben auf der Grundlage von Heideggers Philosophie eigene Wege eingeschlagen. Heidegger hat sich hingegen für “Volk” und seine “Geschichte” entschieden.

 Volk und Geschichte

Nach Heidegger beinhaltet das “In-der-Welt-Sein” auch, dass der Mensch in die Geschichte seines Volkes, sein Geschick und sein Erbe hineingestellt ist. Das Dasein, auch das kollektive, findet nicht durch Normen, Verfassungen, Institutionen zu seiner Eigentlichkeit, sondern nur durch gelebte Vorbilder, nur dadurch ,dass das Dasein sich seinen “Helden” wählt (6). Wer bereit ist, die Geworfenheit des eigenen Daseins “illusionslos” (SuZ, 391) hinzunehmen, der muss auch bemerken, dass er sich sein Volk, zu dem er gehört, nicht wählen kann, dass er auch ins Volk geworfen ist, hineingeboren in seine Tradition und Kultur. Das Dasein kann das so verstandene Volks-Geschick bewusst übernehmen; es ist bereit, dieses Geschick mit zu tragen und zu verantworten. Es macht die Sache des Volkes zur eigenen Sache bis hin zur Bereitschaft zum Opfer des eigenen Lebens. Es wählt sich seinen “Helden” aus dem Traditionsbestand dieses Volkes. Der eigentliche Bezug zum Volk bleibt der Bezug zum eigenen Selbst.

In “Sein und Zeit” war der Bezug des Einzelnen zu seinem “Volk” noch zweideutig. Einerseits bleibt der eigentliche Bezug zum eigenen Volk ein Bezug zum eigenen Selbst. Andererseits verhält sich uneigentlich, wer die Gemeinschaft des Volkes sucht, um seinem eigenen Selbst zu entkommen. ”Alles sieht so aus wie echt verstanden, ergriffen und gesprochen und ist es im Grunde doch nicht, oder es sieht nicht so aus und ist es im Grunde doch” (7). 1933 wird Heidegger auf einer Kundgebung der deutschen Wissenschaft für A. Hitler in Leipzig die “Urforderung alles Daseins, dass es sein eigenes Wesen behalte und rette” auf das “Volk” übertragen, das sein “eigenes Wesen retten und behalten muss” (8).  “Ein Volksganzes ist also ein Mensch im Großen” (9). Das hat Konsequenzen.

Folgt man Heideggers Rektoratsrede, so hat sich das deutsche Volk mit seiner Revolution - gemeint ist die NS-Machtergreifung 1933 - weit hinausgewagt in das Ungewisse. Das Volk ist aufgebrochen, um die Sinnstiftung des Sinnlosen zu wagen. An die Stelle der philosophischen Ekstase tritt die Mystik der Volksgemeinschaft. In einer Rede vor Arbeitslosen Anfang 1934 sagt er: “Jeder Arbeitende unseres Volkes muss wissen, warum und wozu er dort steht. Nur so wird der Einzelne im Volksganzen und im Volksschicksal verwurzelt” (10). Der Tübinger Studentenschaft rief er im November 1933 zu: Wer aber kämpft, befindet sich im Inneren eines entstehenden Werkes. Er empfängt die Fülle des Daseins und wird “Mitbesitzer der Wahrheit des Volkes im Staat” (11).

Ausdrücklich verabschiedet Heidegger alle langfristig angelegten Projekte des geschichtlichen Handelns. Übrig bleibt: Man muss den Augenblick nutzen, die Gelegenheit ergreifen. Gegenüber dem kollektiven Geschick kommt es freilich darauf an, “für die Zufälle der erschlossenen Situation hellsichtig zu werden” (12). Geschichte ist aber nicht nur die Bühne, auf der nach irgendeinem Zusammenhang Träger außerzeitlicher Werte kommen und gehen, man muss sie vielmehr verstehen als Ort der Erzeugung und Vernichtung der Werte. Die Welt ist ein gefährlicher Ort, an dem nur die zur Obdachlosigkeit Entschlossenen, die wirklich freien, aushalten können, ohne Schutz suchen zu müssen unter dem Dach vorgegebener Wahrheiten. Frei-sein, Befreier-sein ist Mithandeln in der Geschichte (13).

In der großen Metaphysik-Vorlesung  1929/1930  formulierte Heidegger zur Geburt der Philosophie aus dem Nichts der Langeweile: “Wenn die Bedrängnis unseres Daseins trotz aller Nöte ausbleibt, und wenn das Geheimnis fehlt, dann handelt es sich für uns zuerst darum, diejenige Basis und diejenige Dimension für den Menschen zu gewinnen, innerhalb derer ihm überhaupt wieder dergleichen wie ein Geheimnis seines Daseins begegnet. Dass bei dieser Forderung und bei der Anstrengung ihm näher zu kommen, dem heutigen Normalmenschen und Biedermann bange wird und zuweilen vielleicht schwarz vor den Augen, so dass er sich krampfhaft an seine Götzen klammert, ist vollkommen in Ordnung. Es wäre ein Mißverständnis etwas anderes zu wünschen. Wir müssen erst wieder rufen nach dem, der unserem Dasein einen Schrecken einzujagen vermag” (14). Heideggers Rufen sollte - wie man weiß - erhört werden, auch wenn es sich 1929/1930 noch nicht auf Hitler bezog.

Wahre Philosophie muss ihrer Zeit mächtig sein

Was im Rückblick an Heideggers Philosophie fragwürdig und problematisch erscheint, war es zu Beginn der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch nicht. Die monströse und verbrecherische Seite des Faschismus war nur von wenigen Hellsichtigen früh erkannt worden, der große Krieg war noch Jahre entfernt und die politischen Implikationen von Heideggers Philosophie noch kein Thema wie nach 1945.  Um Heideggers Wirkungsmächtigkeit verstehen zu können, müssen wir ihn in seiner Zeit aufsuchen. Nur so verstehen wir auch durch ihn jene Zeit.

Die Philosophie Heideggers hat in ihrer Zeit mächtig eingeschlagen. Seine Hörsäle waren nicht ohne Grund brechend voll. Ein Student, Heinrich Wiegand Petzet, berichtet aus der Vorlesung  “Was ist Metaphysik?” 1929: “Es war, als spalte ein riesiger Blitz jenen dunkel verhangenen Himmel…in einer fast schmerzlichen Helle lagen die Dinge der Welt offen da…es ging nicht um ein `System´, sondern um Existenz…Es hatte mir die Sprache verschlagen, als ich die Aula verließ. Mir war, als hätte ich einen Moment auf den Grund der Welt geblickt…”(15). Zum 80. Geburtstag Heideggers schrieb Hannah Arendt über die frühen 20er Jahre: ”Da war kaum mehr als ein Name, aber der Name reiste durch ganz Deutschland wie das Gerücht vom heimlichen König” (16). Heidegger hatte den Nerv seiner Zeit getroffen. Nicht alles wurde verstanden, vieles blieb dunkel. Die entscheidenden Elemente seiner Philosophie aber elektrisierten seine Zeitgenossen. Alles war neu und mitreißend. Die Geworfenheit und Eigentlichkeit wollten und sollten gelebt werden.

Wie ist das “Hineingehalten in das Nichts”, die Aufforderung zur Eigentlichkeit in der Zwischenkriegszeit verstanden worden? Die Dechiffrierung des Daseins als “Intensitätssteigerung” zu einem “Etwas”, das dem Menschen, das dem Dasein einen Sinn gibt?  Auf konkrete Lebenssituationen herunter dekliniert kann “Intensitätssteigerung” sein: Schöpfertum in Literatur, Malerei, Vorstoß ins Unbekannte, Entdeckertum. Für die allermeisten aber ist “Intensitätssteigerung” gleichbedeutend mit Nervenkitzel, Wettstreit, Exposition in Extremsituationen, Verwegenheit, Abenteurertum, Kampf, Begegnung und Überwindung der Todesgefahr. Wie anders sind z. B. extreme Bergsteigerei, Fallschirmspringen, Hochseil-Jumping, Wüstendurchquerungen zu Fuß o. ä. zu erklären? Es sind Situationen, denen sich Menschen freiwillig, ohne Not aussetzen. Es ist das Spiel mit dem Tode, eine Grenzerfahrung, ein “Vorlaufen zum Tode”. Es ist die Intensitätssteigerung, es ist die Begegnung mit dem möglichen Tode, der Suspens am sprichwörtlich seidenen Faden. Im heutigen Sprachgebrauch: der “ultimative Kick”.

Heideggers Zeit ist die Zeit zwischen den Kriegen. Eine Generation war aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt, die die deutsche Niederlage nicht wahrhaben wollte, nicht verkraftet hat. Sie begehrte heftig dagegen auf, suchte und fand Sündenböcke für die Demütigung des Waffenstillstands 1918 und des Versailler Friedensvertrags 1919. “Novemberverbrecher“, Juden, Kommunisten, Linke aller Schattierungen waren in ihren Augen die Verantwortlichen für den sog. “Dolchstoß” in den Rücken des siegreichen deutschen Heeres. Dieser Krieg war für viele nicht vorbei, nicht zu Ende. Man suchte, ersehnte, wollte die Revanche. Soldatentugenden wurden weiter gepflegt, Heroentod für das Vaterland stand auf der Werteskala weiterhin ganz oben. Wer dagegen anredete, anschrieb, malte (Dix) wurde niedergeschrieen, ausgegrenzt, wenn möglich geächtet oder umgebracht. Der Krieg war weiter in den Köpfen präsent. Die Besten - so hieß es - waren gefallen (Langemark-Mythos), aber ihr Geist lebte weiter. “Sie starben, damit Deutschland lebt“, wie es auf einem monumentalen Hamburger Kriegerdenkmal heißt. Der nächste Krieg wäre - in anderer Form und zu anderer Zeit - wohl auch ohne Hitler und die Nazis gekommen. Er lag in der Luft.

Der Krieg war durch die ganze Menschheitsgeschichte  das große “Abenteuer”, die “Intensitätssteigerung” gewesen. Erst in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts setzte mit dem Risiko des Atomkriegs, der die Menschheit zu vernichten droht, ein Umdenken ein. In der Zwischenkriegszeit ragte der Krieg noch mächtig in die Lebenswelt der Menschen hinein. Wenn Heidegger die “Intensitätssteigerung” als Weg zur “Eigentlichkeit” des Seins hochhielt, dann musste er bei vielen eben diese Vorstellungswelten berührt haben. Im dritten Kriegsjahr - seine beiden Söhne, Jörg und Hermann, standen seit 1940 an der Front, die Hörsäle füllten sich mit Kriegsversehrten - formulierte Heidegger in einer Vorlesung 1941: “Wer möchte sich wundern, dass in einer solchen Zeit, da die bisherige Welt aus allen Fugen geht, der Gedanke erwacht, jetzt könne nur noch die Lust an der Gefahr, das `Abenteuer´ die Art sein, in der sich der Mensch des Wirklichen versichere?”(17).

Heidegger schöpfte aus dem Zeitgeist und wirkte auf ihn zurück. Als prominenter Teilnehmer am 1. Weltkrieg hatte Ernst Jünger 1929 geschrieben: ”Wir werden nirgends stehen, wo nicht die Stichflamme uns Bahn geschlagen, wo nicht der Flammenwerfer die große Säuberung durch das Nichts vollzogen hat” (18). Heidegger war in der vom Ersten Weltkrieg konditionierten deutschen Gesellschaft keineswegs der einzige Künder des Nichts, in das der Mensch seine Bahnen zeichnet. Das “Vorlaufen zum Tode” war nicht nur Resultat des Denkens eines philosophischen Einzelgängers - eine ganze Generation trat an zum nächsten Gefecht.

Heidegger hat nicht übersehen, dass die “deutsche Revolution” nicht den von ihm gewünschten Lauf nahm. Der real existierende Nationalsozialismus enttäuschte ihn. Gleichwohl: Heidegger hat die NS-Herrschaft mit dem ganzen Pathos und der ganzen Wucht seiner Philosophie “aufgeladen”, um nicht zu sagen “legitimiert”, in den Augen mancher sogar “geadelt”. Seine nachfolgende Kritik war weder deutlich noch laut genug, um dies zu verwischen, sie ging im Malstrom der Geschichte des Dritten Reiches unter. Der Krieg brachte andere Sorgen. Noch einmal blitzt Heideggers  Philosophie auf, als er im Krieg die Sinnhaftigkeit der Opfer anspricht. Die eine Antwort ist die bekannte, Heidegger bringt sie in einem Kondolenzbrief an die Mutter eines gefallenen ehemaligen Studenten zum Ausdruck. Danach kommt es für die Eigentlichkeit eines Lebensvollzugs nicht auf die moralische Beschaffenheit der gesamten Situation an; was zählt ist allein die “Haltung”, die man einnimmt (19). Die zweite Antwort äußert Heidegger in einer Heraklit-Vorlesung 1943: ”Der Planet steht in Flammen. Das Wesen des Menschen ist aus den Fugen. Nur von den Deutschen kann, gesetzt, dass sie `das Deutsche´ finden und wahren, die weltgeschichtliche Besinnung kommen”(20).

Der aussichtslose Krieg

Schlicht formuliert: Heidegger war kein Nazi aber für den Krieg. Der Krieg war ab Dezember 1941 verloren: ein Krieg gleichzeitig gegen die USA, die Sowjetunion und Großbritannien samt ihren Verbündeten war objektiv nicht zu gewinnen. Hitler selbst war sich dessen bewusst und hat im Dezember 1941 weit reichende Entscheidungen getroffen, darunter die zum Holocaust (21). Die Aussichtslosigkeit des Krieges war nach Stalingrad im Winter 1942/1943 dann auch für weitere Kreise, insbesondere im höheren Offizierskorps, nicht mehr zu übersehen. Die Wehrmacht wurde in der Folgezeit immer weiter zurück gedrängt, Niederlage folgte auf Niederlage, die feindlichen Heere überschritten 1944/1945 die Reichsgrenzen. Gleichzeitig versanken die deutschen Städte im Bombenhagel der alliierten Luftflotten zu Schutt und Asche. Allein im letzten Kriegsjahr hatte die Wehrmacht so hohe Verluste, wie in den Kriegsjahren zuvor zusammen genommen. 

Trotzdem wurde bis zum bitteren Ende verteidigt. Die harten Abwehrkämpfe forderten von der Roten Armee in den  letzten zwei Kriegswochen vom Beginn der Offensive Mitte April bis zur Eroberung Berlins Anfang Mai 1945 mit Verlusten von 304.000 Soldaten nochmals einen hohen Blutzoll. Als die Rote Armee zum 1. Mai 1945 auf dem Reichstag die Siegesfahne hisste, wurde noch über einen ganzen Tag von den unteren und oberen Stockwerken zurück geschossen. Ein britischer Historiker, Alan J.P. Taylor, auf den sich Joachim Fest bezieht, nannte es ein “großes Geheimnis“, dass viele Deutsche über die zwölfte Stunde hinaus auf den Trümmern des dahingegangenen Reiches weiterkämpften. Mit Sarkasmus hatte Taylor hinzugefügt, dass die Antwort darauf nie zu haben sein werde, da die Deutschen selbst sich nicht erinnerten (22). Heute kehrt die Erinnerung zurück.

Vor dem Abgrund des Nichts - vor der absehbaren Katastrophe im drohenden, voraussehbaren Untergang - galt es Haltung zu bewahren.  Wer den deutschen Verteidigungs- und Durchhaltewillen bis zum Endkampf in und um Berlin untersucht, stößt auf Heidegger. Eine ganze Generation erfüllte den selbst gewählten Daseinsentwurf: sich ins Nichts stellen, im Licht der Geschichte verglühen.

Quellen, Literatur:

Mein Interesse als Historiker gilt dem Zweiten Weltkrieg, genauer: der Zeit von Dezember 1941 bis zum Kriegsende im Mai 1945. Wer Erklärungen für diesen aussichtslosen Krieg sucht, wird bei Heidegger fündig. Das versuchte ich herauszuarbeiten. Dem Essay liegen keine eigenen Forschungen zu Heideggers Philosophie oder Biographie zugrunde. Er stützt sich im Wesentlichen auf die neuerliche Lektüre von Heideggers Hauptwerk ”Sein und Zeit”, Niemeyer Verlag, Tübingen 1960 und Sekundärliteratur: insbesondere Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit, Fischer, Frankfurt/M, 5. Aufl. 2006; ferner: Hugo Ott, Martin Heidegger. Unterwegs zu seiner Biographie, Frankfurt a. M./New York 1988; Thomas Rentsch, Martin Heidegger. Das Sein und der Tod. Eine kritische Einführung, Piper, München/Zürich, 1989; Carl Fr. Gethmann, Dasein: Erkennen und Handeln. Heidegger im phänomenologischen Kontext, Gruyter, Berlin 1993; Rolf Peter Sieferle, Die konservative Revolution. Fünf biographische Skizzen, Fischer, Frankfurt/M 1995. Wo ich Quellen und Zitate nicht überprüfen konnte, wird die Fundstelle in der Sekundärliteratur angegeben.

Anmerkungen

(1)  Vgl. u. a. Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit,  Fischer, Frankfurt/M, 5. Aufl., 2006 (=Safranski), 274 f.; Thomas Rentsch, Martin Heidegger,  Das Sein und der Tod. Eine kritische Einführung, Piper, München/Zürich, 1989, 165

(2)  Safranski, 301

(3)  ebd., 302

(4)    E. Jünger, Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt, Hamburg 1932

(5)  Safranski, 216

(6)  Heidegger, Sein und Zeit, Niemeyer Verlag, Tübingen 1960 (=SuZ), 385

(7)  ebd., 173

(8)  Safranski, 294

(9)  Logik. Vorlesung Sommersemester 1934, Nachschrift einer Unbekannten. Hg. Victor Farías, Madrid 1991,26 f.

(10)  Safranski, 294

(11) ebd., 295

(12)  SuZ, 384

(13)  Heidegger, Gesamtausgabe. Ausgabe letzter Hand, Betreuung Hermann Heidegger, Klostermann-Verlag, Frankfurt/M (=GA), 34, 85

(14) GA, 29/30, 255

(15) Petzet, Heinrich Wiegand, Auf einen Stern zugehen. Begegnungen mit Martin Heidegger, Frankfurt/M 1983

(16) Hannah Arendt, Martin Heidegger ist achtzig Jahre alt, Merkur 1969, 893

(17) GA 51, 36

(18) Ernst Jünger, “Nationalismus“ oder Nationalismus, in: Das Tagebuch 10, 1929, 1556

(19) Safranski, 366 f.

(20) GA, 55, 123

(21) Guntram von Schenck, Kriegswende Dezember 1941 und Holocaust, www.guntram-von-schenck.de

(22) Joachim Fest, Der Untergang. Hitler und das Ende des Dritten Reiches, Alexander-Fest-Verlag,  Berlin 2002,  78

 


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